[Rezension] Ghost

  • Robert Harris
    Ghost



    "Die Hälfte der Arbeit eines Ghostwriters besteht darin, etwas über andere Menschen herauszufinden." -Ghostwriter



    Kurzinhalt:
    Ein Ghostwriter soll die Memoiren des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang verfassen. Die Bezahlung ist gut und so macht sich der Ghost auf den Weg zu der Insel, wo Lang mit Frau und Beratern in einem abgeriegelten Haus am Meer weilt. Dort befindet sich bereits ein Skript, das von einem anderen Ghost verfasst wurde. Dieser kam auf der Insel ums Leben und schon bald verstrickt sich auch der neue Ghostwriter in Ermittlungen und bringt sich so in Lebensgefahr.



    "Autoren brauchen Ghosts, die sie nicht infrage stellen, sondern sich einfach anhören, was sie zu sagen haben, und verstehen, warum sie getan haben, was sie getan haben." -Ghostwriter



    Buch:
    Und genau das tut der namenlose Ghostwriter nicht...


    In der Ich-Form erzählt der Ghostwriter zwar rückblickend seine Erlebnisse rund um die Arbeit mit dem Expremierminister, wendet aber den Kniff an, nicht allwissend zu sein. Somit identifiziert sich der Leser mit dem Protagonisten, der zu Anfang einen ganz normalen Job, nämlich die Memoiren von Adam Lang zu schreiben, durchführen wollte.
    Der Tod seines Vorgängers McAra, ein alter Mitarbeiter, Freund und in seiner letzten Zeit Ghostwriter von Lang und der politische Skandal rund um die Zusammenarbeit mit der CIA und dem Einverständnis zur Folter in der Regierungszeit Langs hinterlassen beim Ghostwriter viele Fragen, die er auch noch in den Unterlagen von McAra beantwortet oder bekräftigt sieht.


    Die doch so recht einfach gestrickte und auch so verbleibende Handlung wirkt erstmal recht bescheiden für einen Politthriller, der in jüngster Zeit mit Polanski sogar als Film für Aufsehen sorgte - wobei das mehr dem juristischen Fall Polanskis zu zollen ist.
    Dennoch wirkt gerade eben diese fast schon zu harte Normalität, die wir auch so aus dem realen Leben in unseren Fernsehgeräten kennen, so nervenzerreibend spannend und erdgebunden, dass man die Glaubwürdigkeit des Romans sofort abnimmt und sich sogar Gedanken über den Expremierminster Englands Tony Blair, worauf Harris präzise, aber ungenannt abzielt, macht. Die Geschichte ist logisch, ruhig - vielleicht sogar zu ruhig für einen Thriller mit solchen Ambitionen, was aber in meinen Augen kein Negativpunkt ist - und konsequent geschrieben;


    wenn da nicht die letzten fünf Seiten wären, in denen alles zuvorige über den Haufen geworfen wird. Mein Lieblingsgenre in Büchern ist das Polit-Thriller-Genre und es ist normal, dass man zum Schluss noch einen "Schocker" bringen möchte, um das Gefühl der Nachhaltigkeit zu erschaffen. Aber genau dieser Twist am Ende zerstört die große und unangenehme Authenzität, die das Buch bis fast zum Schluss bewahrt und in gewisser Hinsicht dem Leser sogar aufstößt. Das ist schade, denn so hätte Ghost sicherlich eine dramatischere und untröstliche Wirkung, um eben die Referenzen herstellen zu können, die Harris beim Lesen zu beabsichtigen ersuchte.


    Immerhin kann das Werk sonst in allen Belangen überzeugen, angefangen von der Schrift- und Bildsprache bis zum Zynismus und der cleveren Handlung, wie auch den nachvollziehbaren Charakteren.



    "Meine Kunden haben mir am Ende der Interviews oft erzählt, dass sie sich fühlten, als hätten sie gerade eine Therapie Durchgemacht." -Ghostwriter



    Fazit:
    Ich habe mich zwar nicht wie in einer Therapie gefühlt, aber das Buch ist durchaus zu empfehlen, aber nur für Leser, die eine ruhige Erzählart akzeptieren oder mögen und sich definitiv für (Polit-)Thriller interessieren. Besser noch wirklich nur Politthriller, da man vom Thrillergenre dann doch etwas mehr Intrigen und doch Action erwartet. Nur ist beides in Robert Harris' Ghost nicht vorzufinden. Und das ist vom großen Wert, da das Buch auch anders nicht hätte funktionieren können.


    Ich bin begeistert und sehe über die letzten fünf Seiten hinweg. Somit verbleibt das Buch bei: 4/5 Punkten



    Post Scriptum:
    Ich habe den Film mit McGregor und Brosnan nicht gesehen und kann zu der Verfilmung nichts berichten. Der Ghostwriter hat bei mir nach dem Lesen auf jeden Fall großes Interesse geweckt und nach dem Schauen werde ich eventuell dazu eine Filmkritik im Vergleich zum Roman schreiben. Wann ist noch unbekannt.



    MFG : nothing


  • Interessante Kritik!


    Da ich das Buch nicht kenne (sehr wohl aber die Verfilmung durch Polanski schätze), würde mich der von dir erwähnte Endwist interessieren. Übrigens, falls du noch ein paar Worte zur Verfilmung lesen möchtest, ich war damals an der PV: Review auf groarr.ch

    I am inventing electricity, and you look like an asshole. You look like a fucking idiot.


    Drunk History - Nikola Tesla on Thomas Edison - FunnyorDie

  • Eine wirklich großartige Rezension, die mich durch und durch an das Buch erinnert - der Film ist demnach dem Werk in seiner ruhigen, aber wirkungsvollen Kraft wirklich gerecht geworden.


    Der Endtwist wird bei dir als Schlusssatz erwähnt: die Person, der zugeprostet wird,



    Auf jeden Fall ist deine Kritik durchaus gelungen und befeuert mich nur umso mehr in dem Gedanken, den Film alsbald auf Blu Ray zu holen (wenn er eben im September erscheint).



    MFG : nothing

  • I am inventing electricity, and you look like an asshole. You look like a fucking idiot.


    Drunk History - Nikola Tesla on Thomas Edison - FunnyorDie

  • Zitat

    Original von Herzfresser


    Eben das ist im Buch nicht enthalten,



    Nun ja, eine endgültige Entscheidung werde ich abliefern, wenn ich den Film gesehen habe.



    MFG : nothing